Intensivpflegekräfte und eine Ärztin (hinten) versorgen einen Corona-Patienten, der beatmet auf einer Intensivstation im Universitätsklinikum Bonn liegt (Archivbild).
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Mütter und Schwangere im Arztberuf Diskriminierung, Benachteiligung, Mobbing

Stand: 05.03.2024 05:01 Uhr

Ärztinnen werden in deutschen Kliniken systematisch benachteiligt, das zeigen Report-Mainz-Recherchen. Sie werden seltener fest angestellt und befördert. Laut einer Studie erfahren sie zudem Diskriminierung im Falle einer Schwangerschaft.

Von Claudia Kaffanke, SWR

"Wenn Sie erst mal Kinder haben, werden Sie hier nicht mehr zu gebrauchen sein", ist nur einer von zahlreichen Kommentaren Vorgesetzter, die Ärztinnen in einer Studie der Uni Göttingen zu genderbasierter Diskriminierung in Krankenhäusern genannt haben.

Die Wissenschaftlerinnen Margarete Boos und Marie Ritter haben in ihrer Untersuchung herausgefunden, dass knapp 30 Prozent der Ärztinnen in Unikliniken Diskriminierung wegen einer möglichen oder bestehenden Mutterschaft erfahren mussten.

"Insbesondere die Heftigkeit der Erfahrungen, von denen berichtet wurden, zeugt davon, dass diese Kultur nichts unternimmt gegen diese Art von Diskriminierung. Vorgesetzte können solche Aussagen treffen, ohne dass sie befürchten müssen, Konsequenzen zu erfahren", so die wissenschaftliche Mitarbeiterin Marie Ritter.

Diskriminierung wegen Schwangerschaft

Ärztinnen, die den Wunsch nach einer eigenen Familie umsetzen, haben es im Klinikbetrieb häufig schwer. So wie Eva-Maria Lebtig, die bei ihrem damaligen Arbeitgeber dafür gekämpft hat, auch als schwangere Chirurgin weiter im OP arbeiten zu können.

Sie hat es geschafft, jedoch einen hohen Preis bezahlt: "Ich wurde dann in meiner Abteilung gemobbt. Am Anfang war das sehr subtil. Du wirst nicht mehr begrüßt morgens, die Leute verdrehen die Augen, wenn sie dich sehen. Dir werden Informationen vorenthalten, um deine Patienten zu versorgen."

Sie habe gedacht, damit umgehen zu können. "Aber es war sehr erdrückend, als schwangere Frau so behandelt zu werden. Im Nachhinein denke ich, ich hätte einfach ins Beschäftigungsverbot gehen sollen - das wollte die Klinikleitung, das wollte die Chef-Abteilung", so Eva-Maria Lebtig in ihrer Berliner Privatpraxis für ästhetische Chirurgie. Die Viszeralchirurgin zog sich nach ihren Erfahrungen aus dem Klinikbetrieb zurück. Statt um Magen-OPs kümmert sie sich jetzt um ästhetische Veränderungen.

Das betriebliche Beschäftigungsverbot bei einer Schwangerschaft versuchen viele Ärztinnen zu vermeiden, denn dies erweist sich oft als Karrierekiller: Laut einer Studie des Marburger Bundes erhielten 46 Prozent aller Ärztinnen ein betriebliches Beschäftigungsverbot, als sie schwanger wurden.

Das heißt für diese Frauen, die häufig noch in der Phase der Weiterbildung sind, sie können keine weiteren Qualifikationen für ihren Facharzt sammeln, verlieren den Anschluss bei Operationsfertigkeiten und werden zu Schreibarbeiten degradiert.

"Degradierung von Fachkräften"

Auch die Reform des Mutterschutzgesetzes 2018 hat dies nicht geändert. Obwohl Arbeitgeber laut diesem Gesetz verpflichtet sind, nach Bekanntgabe der Schwangerschaft eine Gefährdungsbeurteilung des individuellen Arbeitsplatzes vorzunehmen und "nach Maßgabe der Gefährdungsbeurteilung erforderliche Schutzmaßnahmen festzulegen". Dann sollten laut Gesetz "Anpassungen der Arbeitsbedingungen" angeboten werden.

Doch bei knapp der Hälfte aller schwangeren Ärztinnen im Klinikbetrieb wird das gar nicht oder ohne Erfolg umgesetzt. "Eine Verschwendung ärztlicher Arbeitskraft" sei das, kritisiert die Vorsitzende des Marburger Bundes, Susanne Johna. Jenen Ärztinnen, die bei einer Schwangerschaft kürzertreten wollten, müsse natürlich die Möglichkeit dazu eingeräumt werden.

"Aber die, die weiterarbeiten wollen, die eine völlig unkomplizierte Schwangerschaft haben, einfach ins Beschäftigungsverbot zu schicken, ist eine Degradierung von Fachkräften, die dringend gebraucht werden. Das ist schlecht für die Patientenversorgung und auch schlecht für die Karrierewege der Ärztinnen. Insofern ist es durch nichts zu rechtfertigen."

Pauschales Verbot kann Diskriminierung sein

Den Vollzug des Mutterschutzgesetzes aber kontrolliert niemand. Das zuständige Bundesfamilienministerium schreibt auf Report-Mainz-Anfrage, man könne sich wegen einer Benachteiligung an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes wenden, um dort entsprechend beraten zu werden.

Dass das Mutterschutzgesetz in Kliniken in diesem Maße missachtet wird, kritisiert auch die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman: "Wenn man pauschal ein betriebsbedingtes Arbeitsverbot verhängt, weil jemand schwanger wird, dann kann das eine Diskriminierung sein. Das Gesetz verbietet diese Form von Diskriminierung. Aber es ist so, dass die Frauen sich alleine dagegen wehren müssen."

Es sei aber nicht wahrscheinlich, dass eine Frau allein gegen ihren Arbeitgeber vor Gericht zieht, um ihr Recht durchzusetzen. "Das heißt, wir brauchen ein Gesetz, das leichter anwendbar ist für Frauen und das den Mutterschutz, den Schwangerenschutz und den Diskriminierungsschutz durchsetzt."

Andauernde Befristungen von Ärztinnen

Für die Ärztinnen und Medizinstudentinnen im Klinikbetrieb kommt noch ein weiterer Faktor hinzu, der sie nur selten aufbegehren lässt: die dauerhafte Befristung ihrer Arbeitsverträge. Eine Report-Mainz-Umfrage hat unter allen Unikliniken in Deutschland Zahlen gesammelt, mehr als die Hälfte hat diese transparent mitgeteilt.

Daraus geht hervor, dass von insgesamt 6.118 Festanstellungen 3.549 an männliche Ärzte gehen - knapp 1.000 weniger, nämlich 2.568 gehen an Ärztinnen. Die befristeten Stellen hingegen bekommen Frauen. Dabei ist die Zahl der Beschäftigten bei beiden Geschlechtern annähernd gleich.

Maya Niethard

Die Leitende Oberärztin Maya Niethard kämpft dafür, dass Schwanger- und Mutterschaft künftig nicht mehr zwangsläufig einen Karriereknick bedeuten muss.

Die Leitende Oberärztin Maya Niethard hat das Projekt "OpidS" (Operieren in der Schwangerschaft) ins Leben gerufen und kämpft dafür, dass Schwanger- und Mutterschaft künftig nicht mehr zwangsläufig einen Karriereknick bedeuten muss. Sie hat eine sogenannte Positivliste erstellt, in der mehr als 40 chirurgische Tätigkeiten benannt werden, die unter Einhaltung von Schutzmaßnahmen auch für Schwangere unbedenklich sind.

Fachkräftemangel verschärft sich

"Es geht um Gefährdungen, die im generellen medizinischen Alltag anfallen. Das betrifft alle Ärztinnen, nicht nur Chirurginnen. Es ist wichtig, die Fortschritte in der Medizin zu berücksichtigen, die wir gemacht haben. Das Mutterschutzgesetz ist aus dem Jahr 1952, und da hat sich seitdem in der Medizin sehr viel getan", so die Tumor-Orthopädin Niethard.

Die Mehrheit der Studentinnen und Studenten der Humanmedizin sind Frauen mit 65 Prozent. Schon heute fehlen auf dem Arbeitsmarkt nach Berechnungen des unabhängigen Wirtschaftsinstituts Wifor 5.000 Chirurginnen und Chirurgen. Bis 2035 prognostiziert das Institut eine Lücke von 15.000.

Wird das Berufsfeld für Frauen nicht attraktiver werden, wird deren Anteil zukünftig noch weiter sinken - und damit das Fachkräfteproblem weiter verschärfen.

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Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "Report Mainz" am 05. März 2024 um 21:45 Uhr.